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„Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich ein Postgeheimnis“

So beschrieb eine Betroffene mit Legasthenie mir, wie sehr technische Hilfsmittel ihr Leben verändert haben.

Legasthenie betrifft nicht nur das Lesen und Schreiben. Sie beeinflusst auch, wie Menschen mit anderen umgehen, wie sie sich selbst sehen und was sie sich zutrauen. Viele lassen ihre Texte von anderen korrigieren. Sie wissen, wie stark Fehler wahrgenommen werden. Oft lassen sie sich wichtige Texte vorlesen, aus Angst, etwas Entscheidendes zu übersehen.

All das geschieht durch Menschen, die sie lieben. Dafür sind sie unendlich dankbar. Trotzdem entsteht ein Problem: die Abhängigkeit von anderen. Das beeinflusst das Selbstwertgefühl stark. Viele fühlen sich in ihrer Selbstwirksamkeit eingeschränkt – also darin, etwas allein schaffen zu können. Deshalb trauen sich viele weniger, öffentlich zu schreiben oder sich in schriftbasierte Kommunikation einzubringen. Sie wollen andere nicht mit ihren Texten „belästigen“. Oft fehlt ihnen auch der Antrieb, weil Feedback meist auf Fehler und nicht auf die Inhalte geht.

Auch das „Private“ geht für Menschen mit Legasthenie oft verloren. Wenn ein wichtiger Brief kommt, der unbedingt richtig verstanden werden muss, oder wenn ein Formular auszufüllen ist, sind sie häufig auf andere angewiesen. Und selbst dann, wenn sie niemanden um Hilfe bitten und sich einfach mehr Zeit nehmen etwa für einen Anamnesebogen, geraten sie oft in ein Stigma. Sie sitzen länger da als andere, brauchen deutlich mehr Zeit, und allein das macht sie sichtbar „anders“.

Wie Technik alles für Menschen mit Legasthenie verändert

Der technische Wandel der letzten Jahre kann hier einen radikalen Unterschied machen. Mit Vorlesesoftware können Menschen mit Legasthenie Briefe anhören, ohne den Inhalt mit anderen teilen zu müssen. Mit Diktierprogrammen lassen sich Texte schnell verfassen, ohne ewig nach der richtigen Schreibweise suchen zu müssen. Und mit Sprachmodellen wie ChatGPT können Texte so aufbereitet werden, dass sie veröffentlichungsfähig sind, ganz ohne, dass jemand anderes noch einmal darüberlesen muss.

All dies verändert nicht nur die Texte selbst, sondern auch das, was in ihnen steht und mit welchem Selbstbewusstsein sie verfasst werden. Manche schreiben Bücher, obwohl sie selbst noch nie eines mit den Augen gelesen haben. Andere werden Wissenschaftler, obwohl sie ihre Papers nicht von Hand schreiben könnten. Hilfsmittel sind also nicht nur ein Schlüssel zu Texten für Menschen mit Legasthenie, sondern ein Schlüssel zur ganzen Welt und zu ihrer eigenen Stimme!


Anton Tartz

https://chaos.social/@antontartz

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